Rede zum 81. Jahrestag der Pogromnacht in Stadtoldendorf (2019)

 

am 09. November 2019, Gedenkveranstaltung im "Alten Rathaus", 18 Uhr

 

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

 

 

letztes Jahr stellte ich gleich zu Beginn meiner Rede eine Frage (nämlich die, ob man aus der Geschichte lernen könne).

 

Heute Abend habe ich nun ein paar mehr Fragen dabei, doch dazu kommen wir später.

 

 

Letztes Jahr, also zum 80. Jahrestag, hätte man das „offizielle“ Pogromgedenken hier in Stadtoldendorf fast vergessen.

 

Seit dem missglückten Anschlag auf die Synagoge in Halle sprechen oder sprachen nun viele von einer Zäsur.

 

 

Ist dem wirklich so?

 

Aber lassen Sie uns zunächst zurückblicken.

 

 

Stellen Sie sich vor, Sie werden in der Wilhelminischen Zeit hier in Stadtoldendorf in eine wohlhabende und - nicht nur aufgrund ihres sozialen Engagements - sehr geschätzte Textilfabrikantenfamilie hineingeboren. Und obwohl Ihr Bruder nur knapp ein Jahr älter ist als Sie, bleibt er doch zeitlebens „der große Bruder“, Ihr beständiger Seelengefährte!

 

Manchmal beneiden Sie ihn, ob seiner Freiheiten. Sein „Spielraum“ scheint einfach größer (zu sein).

 

Sicher, auch Sie sind ein Kind dieser Zeit, aber Ihre Rolle als Frau ist vorbestimmter.

 

Die „Ergebenheit“, die Ihnen und Ihrer Familie aufgrund ihres vermeintlichen „Ranges“ zuteilwird, lässt Sie oft schmunzeln und Sie necken regelmäßig, „Na, Brüderchen, wer von uns beiden schmunzelt nun eigentlich mehr darüber?“

 

Später werden Sie diese Ergebenheit, diese vertraute Form der Achtung schmerzlich vermissen.

 

Ihnen ist früh bewusst, dass Sie sehr privilegiert sind: Sie erhalten eine gute Ausbildung, Ihr musikalisches wie auch Ihr sprachliches Talent werden stets gefördert, Sie können reisen, Ihren Horizont erweitern… Ihre Bedürfnisse werden nicht nur wahrgenommen, sondern respektiert!

 

Ihre Chancen auf „Selbstverwirklichung“ sind – allen Klischees zum Trotz – somit größer als bei den meisten Menschen.

 

Die sorglose Kindheit hinter sich lassend, wird Ihr neuer Lebensmittelpunkt nun Würzburg. Sie liebe und heiraten eine anerkannte mathematische Koryphäe, einen Mathematikprofessor von Rang, einer der jüngsten überhaupt. Sie beide führen ein „offenes Haus“: Studenten, Kollegen und Freunde sind allzeit sehr gern gesehen. Sie lieben diesen Austausch, meist schon am Mittag oder bis weit in die Nacht hinein.

 

„Religion ist Privatsache“ und spielt daher überhaupt keine Rolle. Sie und Ihr Ehemann werden zu hochgeschätzten Ratgebern, Unterhaltern und auch zu Unterstützern.

 

Um mathematische Probleme erörtern zu können, begibt sich ihr Gemahl gezielt mit seinen Kollegen auf „Wanderschaft“. Denn, nur so lassen sich ungeahnte Lösungen finden. Ihn dabei zu beobachten, lieben Sie sehr. Und es lässt Sie schmunzeln, aber anders schmunzeln.

 

Während des 1. Weltkrieges werden Ihre beiden Töchter geboren. Ihr Mann erkrankt schwer, dennoch hält er unbeeindruckt weiter Vorlesungen. Sie begleiten ihn dabei, unterstützen ihn, wo sie nur können. Im Alter von 47 Jahren stirbt er an einem Schlaganfall. Für eine „Auszeit“ kehren Sie nun zeitweise ins Elternhaus zurück.

 

Als der Alltag Ihre Trauer bewusster verdrängen kann, hat sich Ihre Welt, aber auch die da draußen, völlig verändert. Die Leistungen, die Ehrungen Ihres Mannes werden nun vergessen, sie werden getilgt - weil er – wie Sie auch - den vermeintlich falschen Glauben hat. Der Freundeskreis wird spürbar kleiner, die Demütigungen, die Anfeindungen werden hingegen immer größer, auch hier in Stadtoldendorf. Verständlich, dass Besprechungen der Gesellschafter der Weberei (Rothschild Söhne) nun immer nervöser, erregter verlaufen.

 

Ihr Bruder versucht zu beruhigen, „Was kann uns schon passieren? Ich frage euch, wer, außer uns, kann die Firma leiten? Und: wir sind schließlich immer noch der größte Arbeitgeber im Landkreis!“

 

Doch die Betäubung währt nur kurz. Der Albtraum beginnt. Ein perfider Plan im Eiltempo! Ihr Bruder und vier weitere Gesellschafter werden unschuldig verhaftet und angeklagt (wegen „Devisenvergehens“). Während der ungewöhnlich langen Zeit bis zum Prozess werden die Weberei geraubt und die Gesellschafter gezwungen, ihre Immobilien weit unter Wert zu „veräußern“. Der Erlös wandert auf ein „Sperrkonto“. So verliert auch Ihre Familie ihren Besitz.

 

In dieser Situation können Sie Ihre Mutter unmöglich allein lassen. Sie ist einverstanden, jetzt zu Ihnen nach Würzburg zu ziehen. Fieberhaft versuchen Sie zusammen mit Ihrer Schwägerin und der Unterstützung der Familien Ihren Bruder bestmöglich zu verteidigen. Die entsprechenden Anwälte werden beauftragt, entsprechende Kontakte werden geknüpft sowie versucht, die verbliebenen „Beziehungen spielen zu lassen“. Sie sind erneut fassungslos, dennoch zuversichtlich, etwas erreichen zu können. Aufgrund der Kontaktsperre können Sie Ihren Bruder nur brieflich erreichen – sofern es die Zensur überhaupt zulässt. Ihn in dieser Lage zu wissen, bereitet mehr als Angst.

 

Denn Sie kennen seine Aufrichtigkeit, seinen Übermut, seine Stringenz, seine Eloquenz, ja, seine intellektuelle Überlegenheit… und Sie grübeln, „Mein Bruder ist ein Freigeist!“

 

Und jüdische Freigeister hassen die Nazis am meisten!

 

Ihre Mutter grübelt und sorgt sich nicht minder. Der Tägliche Anzeiger berichtet, dass über der Weberei nun endlich die Hakenkreuzfahne wehe und zitiert den Bürgermeister (mit den Worten): „Ich danke dem Führer, der es ermöglichte, dass die jüdischen Parasiten entfernt werden konnten!“

 

„Bitte, Mama, lege die Zeitung endlich zur Seite. Quäle dich nicht länger!“

 

Ihr Kopf beginnt zu pochen, „wie soll ich meine Mutter bloß auffangen?“

 

Dann endlich: der Prozess in Braunschweig. Nach einer gefühlten Ewigkeit sehen Sie Ihren Bruder dort zum ersten Mal wieder. Sie sitzen im Publikum, tauschen Blicke. Alles ist surreal. Gefasste Traurigkeit auf beiden Seiten.

 

Das Urteil: eine Geldstrafe und, nach Abzug der Untersuchungshaft, eine neunmonatige Gefängnisstrafe. Durchatmen? Mitnichten: das Kämpfen beginnt aufs Neue, nun in anderer Dimension, aber wieder alles Menschenmögliche versuchend: wie wäre die Haft zu verkürzen?

 

Sollte ein Gnadengesuch gestellt, eine mögliche Emigration vorbereiten, beantragen werden?

 

Einen Monat später: in der Pogromnacht verschaffen sich sechs Männer Zutritt zu Ihrer Würzburger Wohnung und verwüsten sie. Sie erstatten Anzeigen „gegen Unbekannt“. Abhandengekommen sind eine Armbanduhr, ein Füller, eine Lupe und ein Portemonnaie samt Inhalt. Widererwartend erhält Ihre Mutter eine leere Schmuckkassette zurück.

 

Warum diese gewagte Anzeige? Aus Unbedarftheit? Aus Courage? Oder war das halt zwingend, symbolisch, als Zeichen, all dem Unaussprechlichen wenigstens etwas entgegenzusetzen?

 

Sie können sich nicht mehr erinnern.

 

Maßgeblich ist und bleibt für Sie aber, Ihren geliebten Bruder endlich wieder in Freiheit zu wissen, die Familie irgendwie zusammenzuhalten, „und dann wird man sehen.“ Eine mögliche Emigration, Ihre Mutter, Ihren Bruder hier in diesem Land zurückzulassen, das ziehen Sie für sich noch nicht einmal theoretisch in Erwägung.

 

Selbstverständlich helfen Sie Ihrer Schwägerin bei all ihren Bemühungen, all ihren Eingaben aber Sie verfolgen auch eigene Wege.

 

Nie zur Ruhe kommen können, kann das ablenken? Ja, aber nur für Augenblicke.

 

Ihr aller Plan: Nach Verbüßung der Haftstrafe soll Ihr Bruder unmittelbar ausreisen. Die Auflagen sind bereits erfüllt, es fehlt nur noch ein bestätigendes Formular aus der Schweiz. Als die Zeit drängt, wird Bolivien zur Alternative - die Schiffspassage ist bereits bezahlt!

 

Plötzlich gerät Ihre Schwägerin unter Druck. Sie muss sich zu einem bestimmten Stichtag in Basel anmelden, da sonst die Chance verwirkt ist, jemals wieder in die Schweiz einreisen zu können bzw. die durch die Heirat verlorengegangene Staatsbürgerschaft zurückzuerhalten. Ihre Schwägerin muss Deutschland verlassen (und kämpft von dort aus weiter).

 

Wieder ein Abschied. Aber es kommt noch schlimmer. Am Tag der Haftentlassung lässt die Gestapo Ihren Bruder direkt in das Konzentrationslager Sachsenhausen überstellen.

 

Sie erinnern sich: bei Ihrem letzten Besuch im Gefängnis wirkte er noch sehr gefasst – oder wollen Sie sich das einbilden? Ihr großer Bruder versuchte Sie zu trösten, aber das war damals schon unmöglich. Jetzt fühlen Sie sich nur noch unendlich leer. Das, was Sie ihm eigentlich sagen wollten, ging in der Aufregung unter. Sie wollten jede Minute bewusst erleben, waren aber viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Ihr Bruder mag ganz ähnlich gefühlt haben.

 

Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges kann Ihre jüngste Tochter nach England emigrieren – nicht nur das Abitur war ihr verwehrt worden.

 

Kontakt zu Ihrem Bruder zu halten, erscheint nun unmöglich. Sie versuchen aber weiterhin mittels Eingaben, irgendetwas zu erreichen.

 

Doch die Antwort bleibt aus. Abrupt meldet sich die Gestapo Würzburg und bestellt Sie sofort in die Leitstelle. „Bezüglich Ihres Bruders“, heißt es. Für Sekunden fantasieren Sie, „er kommt frei?“, dann steigt das Fieber, die Verzweiflung. Man eröffnet Ihnen, laut eines Telegramms sei Ihr Bruder im Krankentrakt des Lagers an „Lungenentzündung“ verstorben. Seine Urne müsse umgehend abgeholt werden.

 

Die Welt steht nun still. Erst im Israelitischen Krankenhaus kommen Sie wieder zu sich. Auch dieser Zusammenbruch wird dokumentiert. Der Gestapobeamte erhebt jedoch keine Einwände, dass Sie persönlich Ihre Mutter über den Tod ihres Sohnes informieren. Sie reisen ihr nach. In Berlin organisieren Sie die Beisetzung auf dem jüdischen Friedhof Weißensee. Das gemeinsame Trauern hilft die Schmerzen etwas zu lindern. Die Wut über die Wehrlosigkeit, die Hilflosigkeit gegenüber der herrschenden Unmenschlichkeit bleibt. Viele Familienmitglieder sehen, sprechen und umarmen sich hier zum letzten Mal – und allzu vielen ist der drohende Verlust dieser Nähe bewusst.

 

Kurze Zeit später ziehen Sie, zusammen mit Ihrer Mutter, zu Ihrer älteren Tochter nach Frankfurt (a.M.). Auch die wirtschaftlichen Verhältnisse zwingen Sie nun mehr zusammenzurücken. Das Leben wird immer bedrückender. Den Alltag zu organisieren, fällt Ihnen immer schwerer. Jenseits aller früheren Absichten, Pläne oder Träume geht es nun ums bloße Überleben. Für Ihre Mutter, für Ihre Tochter spielen Sie immer noch die Rolle der „Unbeirrbaren“, der Starken. Sie meinen, dies den beiden schuldig zu sein. Das beruht auf Gegenseitigkeit. Doch die Momente der Verzweiflung lassen sich immer häufiger nicht mehr verbergen. In Ihren Briefen versuchen Sie weiterhin Haltung zu wahren, Mut zuzusprechen, nur zwischen den Zeilen, die mehr für Sie selbst geschrieben sind, blitzt ab und an die Wirklichkeit auf. Zunächst sind es Gerüchte, dann bittere Wahrheiten: die jüdischen Bürger werden auch aus Frankfurt deportiert. Die ersten Transporte erfolgen „spontan“. „Unangekündigt klingelt es an deiner Tür und in weniger als zwei Stunden bist du verschwunden!“ berichten Gemeindemitglieder (berichten Leidensgenossen).

 

Sie und Ihre Tochter bekommen die Aufforderung, einen genauen Zeitplan, inklusive des Datums „zum Arbeitseinsatz im Osten“. In Ihrem letzten Brief beschwichtigen Sie, dort vielleicht „doch in der Landwirtschaft tätigt sein“ zu können. Und genau am 80. Geburtstag Ihrer Mutter müssen Sie nun erneut Abschied nehmen.

 

Bis zur sprichwörtlich allerletzten Minute sind Sie bemüht, das zukünftige Leben Ihrer Mutter irgendwie mit Hilfe von Freunden und Nachbarn zu organisieren – sofern man dies kann.

 

Eine letzte Umarmung, ein letzter Kuss, ein letzter fester Händedruck, ein letztes Umdrehen, dann geht es zur Sammelstelle. Der Zug fährt Richtung Polen. Gedankenverloren blicken Sie ins Nirgendwo. Was ist Ihnen beim Grenzübertritt geblieben? Das Handgepäck samt einer Decke, ein Besteck ohne Messer. Und obwohl zugesichert, hat man selbst die letzten 30 Reichsmark und Ihren Ehering vor Fahrtantritt gestohlen.

 

 

„Was ist mir geblieben? Die Nähe meiner Tochter, die Erinnerungen und die Liebe!“

 

 

 

Marianne Hilb, geb. Wolff, wird mit ihrer Tochter Irene 1943 in Treblinka ermordet.

 

Mariannes Ehemann Emil (Hilb) stirbt 1929 in Würzburg. Sein Grab befindet sich auf dem jüdischen Friedhof in Stuttgart, verzeichnet sind dort auf dem Grabstein auch die Namen von Marianne und Irene.

 

Mariannes Tochter Anneliese überlebt den Holocaust (in England).

 

Mariannes Mutter Gertrud (Wolff, geb. Ostwald) stirbt im August 1942 im Ghetto Theresienstadt.

 

Mariannes Vater Oscar (Wolff) stirbt 1923. Sein Grab befindet sich auf dem jüdischen Friedhof in Stadtoldendorf, wie auch das Kindergrab seiner jüngsten Tochter Anna.

 

Mariannes jüngere Schwester Luise (Kramer, geb. Wolff) überlebt den Holocaust.

 

Mariannes Bruder (Dr.) Richard Wolff stirbt im Februar 1940 im Konzentrationslager in Sachsenhausen. Seine Ehefrau Valeria (geb. Lippmann) sowie sein Sohn Günther überleben den Holocaust (in der Schweiz).

 

 

 

Auf dem linken Bild sehen Sie Marianne zusammen mit ihrem Ehemann Emil auf der Terrasse der Wolffschen Villa hier in Stadtoldendorf.

 

Das Originalfoto ist im Besitz von Anneliese Wolff, das mir dankenswerterweise Prof. Vollrath 2008 als Kopie zur Verfügung stellte.

 

 

 

 

Ein weiteres Beispiel:

 

Stellen Sie sich vor, Sie sind wie immer freitags mit Ihrer Sporttasche auf dem Weg zur Turnhalle in der Hagentorstraße und dort wird Ihnen nun der Eintritt verwehrt. Sie seien unerwünscht, brüllt ein Turnkamerad. „Wie bitte?“, denken Sie, tun so, als haben Sie nichts gehört und wollen einfach weitergehen, doch dann versperren Ihnen auch wirkliche Freunde den Weg.

 

Bis zu diesen Sekunden hat man Sie, übrigens auch außerhalb des Sports, sehr geschätzt. Der Turnverein von 1887 schmückte sich mit Ihnen und mit Ihren Erfolgen als Ausnahmeturner. Zahlreiche Urkunden bezeugen das und der Applaus klingelt noch immer in Ihren Ohren. Sie sind sogar Beisitzer im Vorstand.

 

Das aber scheint nun Geschichte (zu sein) und nur ein paar Tage später folgt tatsächlich die schriftliche Bestätigung.

 

Allenthalben folgen nun menschliche Enttäuschungen! Als Handlungsreisender, auf Ihren Touren über die Dörfer, haben Sie bisher eigentlich immer nur Positives erlebt.

 

Ihre natürliche Art, Ihr Charme „öffne Türen“, sagen die Leute. Jetzt sagen oder denken sie etwas ganz anderes, schauen bestenfalls unsicher zur Seite und antworten knapp, wenn sie denn überhaupt antworten. Die Kunden werden täglich weniger. Und da sich die Fahrten kaum noch lohnen, helfen Sie halt in den Geschäften Ihrer weitverzweigten Familie – vor Ort bei den Rothenbergs, dem „großen“ in der Kellerstraße wie dem „kleinen“ in der Teichtorstraße, bei Rosenhains gleich gegenüber, im Geschäft Ihres Onkels in Einbeck oder in Höxter bei Ihrem Schwager Löwenstein.    

 

Die veränderte Welt da draußen meidend, nennt Ihre Mutter Sie weiterhin „mein liebster Luftikus“, nicht im Sinne von oberflächlich, sondern (Luftikus) definiert als heiter, stets gut gelaunt, immer mit einem Lächeln aufmerksam durchs Leben schreitend. Naja, das trifft es vielleicht nicht mehr ganz, aber so sind halt Mütter, oder? Obwohl… apropos Mütter:

 

Die Energie, die Zähigkeit, ja den Mut mit der Ihre Schwester der Doppelrolle als zunächst alleinerziehende Mutter und selbstständige Schneidermeisterin bisher gerecht zu werden versucht, beeindruckt Sie zutiefst.

 

Diese drei Kinder lieben Sie ganz besonders. Dauernd müssen Sie sie bespaßen. Da wird der „Luftikus“ zum Clown. Und das gefällt Ihnen, das gefällt ihnen sehr.

 

Aber all das wird in Frage gestellt, als der Einzug der Gewerbescheine der Familie ihre finanzielle Existenz raubt.

 

In der Pogromnacht werden Sie verhaftet und nach Buchenwald überstellt. Die Erinnerung an dieses Martyrium, an die unbegreiflichen Szenen, die Gesichter, die Geräusche, die Wortfetzen, die Gerüche, diese Erinnerungen werden Sie nie wieder los. Gequält, gedemütigt. Das sinnlose Ausharren auf dem Appellplatz, tagelang, ohne die Notdurft verrichten zu dürfen. Der Schlafentzug. Die Schläge. Das bewusst unfertige, überfüllte Lager ohne Betten, ohne sanitäre Einrichtungen, ohne Medikamente. Die lärmenden Lautsprecher - rund um die Uhr: „Alle Judenvögel herhören! Ihr bleibt so lange hier, bis ihr eure Geschäfte, Fabriken und Häuser verkauft habt und beweisen könnt, dass ihr schleunigst auswandern werdet.“ Doch am meisten schmerzt die eigene Macht- und Hilflosigkeit!

 

Erst nach Monaten werden Sie, als einer der Letzten, entlassen – kahlköpfig und völlig besitzlos. Die lähmende Angst, erneut in ein Konzentrationslager verschleppt werden zu können, ist nun Ihr ständiger Begleiter. Der Clown, der Luftikus sind Ihnen abhandengekommen.

 

Sie arbeiten jetzt im Steinbruch, zugewiesen, zwangsweise. Und die Pausen sind am schlimmsten. Abends betrachten Sie jetzt oft ein ganz besonderes Foto: Sie innig mit Charlotte, strahlend, ein Luftikus noch mit Tolle… welch schönes Paar!

 

Sie beschließen – aus Liebe und aus Trotz - zu heiraten.

 

Wenigstens das ist ja noch nicht verboten!

 

Leben in den eigenen vier Wänden?

 

Das ist undenkbar! Sie und Ihre Frau sehen sich gezwungen, mit Ihrem Vater, Ihre Schwester, Ihrem neuen Schwager und den Kindern eine gemeinsame Wohnung zu teilen. Die Familie ist völlig isoliert und bietet selbst im Innern nur noch einen leidlichen Schutz.

 

Sie selbst werden nun immer nachdenklicher, immer stiller.

 

Das Talent Ihres Vaters, vor allem den eigenen Enkelkindern geniale Märchen erzählen zu können, ist in letzter Zeit erstaunlich gewachsen. Will er damit eine Lücke füllen? Wie auch immer, Ihr Vater spielt die Rolle als „Opa Hoffnung“ nahezu perfekt. Das bewundern Sie.

 

Sicher, er dichtet auch aus Selbstschutz aber vor allem doch, um die Familie zu schonen. Die Kinder sind dann immer ganz still, äußerst aufmerksam und fordern hartnäckig Zugaben. Sie ertappen sich dabei, wie Sie selbst verstummen, wie Ihre Augen feucht werden, wenn der „Opa“ beispielsweise von einer wundersamen Zeit berichtet, die ja nur wenige Jahre zurückliegt.

 

„Unser Paradies“ ist so eine Geschichte, gemeint ist der überlebenswichtige Mikrokosmos „Garten“, also der eigene Schrebergarten mit der winzigen Gartenlaube, aber mit unzähligen Festen, Begegnungen mit der Familie, mit den Freunden, den Nachbarn, „da, wo sich alle lieb hatten, inklusive endloser Achtsamkeit.“

 

Auch die Geschichte „Onkel Kurt und sein neues Motorrad“ lässt Sie immer wieder aufhorchen, und dies nicht nur, weil Sie ja der Hauptdarsteller sind. Ihrem Vater gelingt es, trotz zahlreicher Varianten, jedes Mal vortrefflich die vergangene Atmosphäre einzufangen: Ihren Stolz, die Lust am Fahren, das Streicheln über den Benzintank, das Parfüm im Schuppen, die wahre „Freiheit“, die Unbekümmertheit mit Charlotte oder mit den Schwestern mal eben einfach durch die Gegend brausen zu können, das Glück des Augenblicks, die beschlagene Brille… Die Kinder lachen, Ihr Vater grinst und Sie lachen zurück.

 

Am Erstaunlichsten aber ist die Episode aus dem heiteren Land namens „Argentina“, dort wo entferntere Verwandte in Sicherheit leben.

 

„Ja, Kinder, und dort werden auch wir gleich neu beginnen können. Alles ist auf dem Weg!“

 

Und die Kinderaugen leuchten.

 

Aber selbst Kinder werden älter und irgendwann, eher beiläufig, haben sie Ihnen dann doch anvertraut, dass sie natürlich längst wissen, dass der Opa nur Märchen erzählt.

 

Letzte Hoffnungen schwinden, als auch die Ausreisebemühungen in die USA scheitern - obwohl Ihre Namen doch ganz oben auf der Liste stehen.

 

Und wenig später folgt dann tatsächlich eine „Reise“, allerdings in die falsche Richtung. Ihre Familie erhält die Aufforderung, sich für den Transport „in den Osten“ vorzubereiten, d.h. Sie müssen ihr Hab und Gut akribisch auflisten, dürfen nur begrenzt Gepäck mitnehmen, die Wohnung wird vorzeitig versiegelt.

 

Der Bescheid gilt für alle Familienmitglieder außer Ihrem Vater! In seiner Hilflosigkeit entscheidet er dennoch mitzukommen. Doch am Tag der Deportation wird er in Holzminden an der Weiterfahrt gehindert und stattdessen rigoros einer Verwandten in Ottenstein zugewiesen.

 

Sie müssen sich umgehend von Ihrem Vater verabschieden. Erschrocken, betäubt und sich irgendwie von außen selbst beobachtend, so als schauten Sie unbeteiligt einen Film, versuchen Sie diesen Moment einzufrieren: die kurzen Berührungen, die Gesten, die befangenen Blicke, die warmen, kalten zitterigen Hände, die flüchtigen Küsse.

 

„Auf Wiedersehen!“

 

In Hannover nimmt man Ihnen alle persönlichen Dinge ab und auf der Fahrt kommen die Koffer abhanden.

 

Im Ghetto fühlen Sie sich aus der Welt gefallen – auch aus der eigenen. Sie resignieren endgültig.

 

Nachts hören Sie die Stimme Ihres Vaters, er erzählt keine Märchen mehr. Der Traum ist ausgeträumt.

 

Und während das verzweifelte Finale ums Überleben beginnt, werden in Stadtoldendorf Ihre Habseligkeiten und Ihr Familienhaushalt verscherbelt: Möbel, Lampen, Gartengeräte, Vorhänge, Geschirr, Töpfe, Gläser, Bilder, Kleidung, Schuhe, Bettwäsche. Motorradersatzteile… all das, was Sie zurücklassen mussten.

 

Jede Kleinigkeit ist exakt aufgelistet: jedes einzelne Messer, jedes Handtuch, jedes Unterhemd.

 

Die Versteigerung, für drei Tage geplant, ist bereits in wenigen Stunden vorüber. Auch das von Ihnen für die Kinder selbstgefertigte Spielzeug – beispielsweise die Ritterburg und die Seifenkiste - finden nun neue, fremde Bewunderer.

 

 

 

Kurt Wallhausen stirbt 1942 oder 1943 im Ghetto Warschau oder in Treblinka.

 

Sein Schicksal teilen:

 

Seine Ehefrau Charlotte (geb. Gottlieb),

 

Kurts älteste Schwester Grete (Löwenstein), dessen zweiter Ehemann Hermann Löwenstein sowie die Kinder aus erster Ehe: Margot, Ernst und Helmut.

 

Kurts jüngste Schwester Gertrud, dessen Ehemann Ernst Löwenstein und der dreijährige Sohn Berl-Eli – sie wurden mit dem gleichen Transport, allerdings von Höxter aus, deportiert.

 

Kurts Schwester Hedwig (Sternberg) überlebt den Holocaust (in England), sie kehrt später nach Deutschland zurück.

 

Kurts Mutter Johanna (geb. Rothenberg) stirbt 1936. Ihr Grab befindet sich auf dem jüdischen Friedhof in Stadtoldendorf.

 

Kurts Vater Theodor (Wallhausen) stirbt 1943 im Ghetto Theresienstadt.

 

 

 

Auf dem rechten Bild sehen Sie Kurt zusammen mit den Kindern seiner Schwester im Familiengarten an der Linnenkämper Straße:

 

Links Ernst, rechts Margot und auf der Schulter der Jüngste, Helmut.

 

Die Aufnahme stammt aus dem Jahre 1931 oder 1932. Das Originalfoto ist im Besitz von Ute Siegeler, Kurts „Groß-Cousine“. Ute Siegeler ist die Initiatorin der ersten Stolpersteine 2007 und leider 2015 viel zu früh gestorben.

 

 

 

Zwei Beispiele, die die Schicksale Stadtoldendorfer Bürger veranschaulichen sollten.

 

Können Sie sich das vorstellen?

 

Kann man sich das überhaupt vorstellen?

 

 

 

Heute vor 81 Jahren, genau um diese Uhrzeit, ist die Synagoge noch unberührt. Sie ruht – allerdings nicht selbstgewählt. Bereits seit zwei Jahren sind Gottesdienste verboten.

 

Und die Welt? die ruht nicht, die ist unglaublich aus den Fugen geraten.

 

Seit 1930 sind die Nationalsozialisten an der Regierung des Freistaates Braunschweig beteiligt und nur wenig später beginnt auch der Mob in Stadtoldendorf zu regieren.

 

Die Nationalsozialisten erklären eine Religion zur Rasse und stempelt sie damit zum Sündenbock. In der Folge trifft diese unschuldige Minderheit nun auf einen grausamen und rigorosen Verwaltungsapparat.

 

Gendarmerie-Wachtmeister, Bürgermeister, Kämmerer, Landrat, Finanzamt - staatliche und kommunale Behörden - verfolgen paragraphentreu die Umsetzung des Sonderunrechts gegen die jüdische Bevölkerung.

 

Kaum jemand in den Ministerien, in den Rathäusern denkt daran, die gesicherte Existenz wegen der milderen Behandlung auch nur eines einzigen Juden aufs Spiel zu setzen.

 

Im Gegenteil: Verfügungen, Verordnungen, Erlasse, Gesetze legitimieren in den Augen der Staatsdiener aber auch in den Augen der Bevölkerung jedes Verbrechen.

 

Die Auswirkungen sind überall sichtbar – auch in Stadtoldendorf:

 

Ab 1933/34: die jüdischen Geschäfte werden boykottiert, geschlossen oder erhalten neue Besitzer.

 

Ausschluss per „Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“, Ausschluss „dank“ Einführung des „Arierparagraphen“: beispielsweise auch in Sport – und Turnvereinen.

 

1935: Erlass der „Nürnberger Gesetzte“

 

Aberkennung des Wahlrechts.

 

1936: Versammlungsverbot

 

Jüdische Mitschüler müssen die Bürgerschule verlassen.

 

Sommer 1938: Einzug der Gewerbescheine. Viele jüdische Familien werden mittellos und verarmen vollständig.

 

„Arisierungen“ im ganz großen Stil: Zwangsverkäufe von Immobilien und Grundstücken, u.a. wird die Weberei Rothschild Söhne zu einem Zehntel ihres realen Wertes gestohlen. Das Geldvermögen, evtl. Mieteinahmen werden auf Sperrkonten „gesichert“.

 

Die für den Januar 1939 angekündigte Einführung der Zwangsvornamen setzt das „Stadtoldendorfer Adressbuch“ bereits 1938 um.

 

Sie lesen dort die Zusätze „Sara“ und „Isidor“.

 

(Stadtoldendorf ist wieder einmal mehr der Zeit voraus!)

 

Und heute vor 81 Jahren, in nur wenige Stunden, dreht sich das Rad der Unvorstellbarkeiten noch ein wenig schneller. Die Synagoge wird geschändet und geplündert; die Fenster zerschlagen, das Feuer noch rechtzeitig gelöscht, um die unmittelbar angrenzenden Häuser nicht zu gefährden.

 

Die Ruine gilt fortan als Schandfleck – nicht als Mahnmal.

 

Knapp ein Jahr später erfolgt ihr Verkauf auf Abbruch. Die auf dem Dachboden der Bürgerschule „geparkten“ kostbaren Thorarollen beabsichtigte man nach Kriegsende zu veräußern bzw. im Heimatmuseum auszustellen. Erst Ende 1958 werden sie an den Jüdischen Landesverband zurückgegeben.

 

Heute vor 81 Jahren, in der Nacht, werden 13 Mitbürger verhaftet, das Schuhgeschäft Lichtenstein in der Teichtorstraße geplündert, die jüdischen Familien tyrannisiert.

 

Der 83-jährige Rabbiner Salomon Braun wird aufgrund seines Alters bereits in Holzminden wieder entlassen.

 

Die 12 Namen der ins Konzentrationslager Buchenwald Verschleppten lauten:

 

 

Arthur Braun

 

Paul Heinberg

 

Paul Jacobson

 

Theodor Lichtenstein

 

Julius Rosenhain

 

Julius Rothenberg

 

Hermann Schartenberg

 

Julius Stein

 

Albert Schoenbeck

 

Heinrich Ullmann

 

Kurt Wallhausen und

 

Theodor Wallhausen

 

 

Die Not im Konzentrationslager, das bewusst auf die unzähligen Deportierten nicht vorbereitet ist, spottet – wie bereits erwähnt - jeder Beschreibung.

 

Buchenwald dient der Demütigung, der Entmenschlichung und der Erpressung. Letztes Hab und Gut gehen hier verloren.

 

Nur, wer erklärt, umgehend zu emigrieren und über die Vorkommnisse zu schweigen, hat die Chance auf Entlassung – nach Wochen, nach Monaten.

 

Als die Männer verstört und eingeschüchtert nach Stadtoldendorf zurückkehren, steigert sich die Angst in den betroffenen Familien ins Unerträgliche. Nur sehr wenige konnten bisher überhaupt emigriert.

 

Die Flucht in die Anonymität der Großstädte hilft bestenfalls Zeit zu gewinnen. Rastlos werden nun Konsulate und Behörden aufgesucht; Angehörige, die im sicheren Ausland leben, werden um Hilfe bei der Ausreise, um finanzielle Unterstützung gebeten.

 

Mit Ausbruch des Krieges spitzt sich die Lage dramatisch zu. Die Männer werden zur Zwangsarbeit verpflichtet.

 

Stets gibt es neue einschränkende „Gesetze“, Verbote - beispielsweise des Bezugs von Seife, Eiern, Milch, Fleisch, Zwangsveräußerungen aller Art,

 

Fahrerlaubnisse und Zulassungsbescheinigungen werden für ungültig erklärt,

 

Verbot von Rundfunkgeräten, Fahrrädern, Telefonen, Schreibmaschinen, Fotoapparaten, Verbot der Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel, Verbot von Kinobesuchen, von Haustieren, von Zeitungen.

 

Jüdische Patienten haben in den Heil- und Pflegeanstalten keine Überlebenschance: sie werden vom „Tötungsprogramm“ nie zurückgestellt.

 

Ab September 1941 müssen die Bürger jüdischen Glaubens sichtbar den gelben Stern tragen.

 

Es folgen die Deportationen zum „Arbeitseinsatz im Osten“: im Dezember von Hannover aus ins Ghetto Riga, im März 1942 ins Ghetto Warschau.

 

Im Juli 1942 wird Julie Ullmann ins Ghetto Theresienstadt verschleppt und knapp zwei Jahre später in Auschwitz ermordet.

 

Damit hört die jüdische Gemeinde Stadtoldendorfs auf zu existieren.

 

 

 

30 Bürger jüdischen Glaubens, die während der NS-Zeit in Stadtoldendorf lebten, werden Opfer des Holocaust.

 

Bürger jeden Alters und jeder „Gesellschaftsschicht“. Menschen mit Wünschen, Hoffnungen und Träumen, mit dem Recht, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, mit dem Recht auf Freiheit!

 

Diese Bürger und ihre Familien sehnen sich nach einem Rechtsstaat, sehnen sich nach einer Polizei, die hilft und beschützt, sehnen sich nach einem Rechtsanwalt, der wirklich verteidigen kann, sehnen sich nach einem Richter, der tatsächlich und unabhängig Recht spricht, sehnen sich nach einer Presse, die frei berichten, die überhaupt berichten kann… sehnen sich nach einem Nachbar, der hilft!

 

 

 

Und heute, vor genau vier Wochen und drei Tagen, scheitert der Anschlag auf die Synagoge in Halle. Eine Holztür verhindert ein Massaker. Frustriert ermordet der rechtsradikale Täter „stattdessen“ zwei Menschen, die zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort sind.

 

Was hat sich seitdem verändert?

 

Nun, die AfD – beispielsweise - ist sich treu geblieben. Alles ist, wie zuvor: sie missbraucht die Meinungsfreiheit, sie verspottet unsere liberale Gesellschaft, beleidigt, relativiert, verdreht, hetzt, bricht Tabus – und dies pausenlos. Sie provoziert, um nach dem üblichen Eklat die eigene Interpretation gleich nachschieben zu können.

 

Und sie stilisiert sich weiterhin grundsätzlich als unverstandenes Opfer. Nach wie vor versucht sie sich aus der Verantwortung, nicht nur bezüglich der Verrohung der Sprache oder des Hasses, zu stehlen.

 

Und all das Genannte hat natürlich auch für ihre Anhängerschaft und für ihr Umfeld zu gelten, denn selbst die Posse „Hustenanfall als Morddrohung“ ficht ihre Klientel nicht an – im Gegenteil. Sie berauscht sich an dem thüringischen Oberlautsprecher, der zur besten Sendezeit hyperventilieren darf, die „Kartellparteien“ instrumentalisierten den Verfassungsschutz, um die AfD mundtot zu machen. Das ist nicht nur Nazi-Jargon at his best, sondern 81 Jahre nach der Pogromnacht unverzeihlich!

 

Die meisten Journalisten reagieren darauf leider völlig überfordert, völlig hilflos, derweil sich die demokratischen Parteien in den üblichen Talkrunden nur immer wieder aufs Neue gegenseitig parteipolitisch beharken. Sie wollen oder können immer noch nicht erkennen, dass die Zahl der kleinen wie auch der großen „Bernds“ mittlerweile unerträglich ist.

 

Keine Frage, diese Partei ist und bleibt eine Schande, vor und eben auch nach Halle!

 

Währenddessen johlen und feixen die Rechtsradikalen aber unbeeindruckt weiter.

 

Laut Umfragen outet sich aktuell jeder vierte Bundesbürger als antisemitisch – und dies – dem Zeitgeist entsprechend - ohne jegliche Scham.

 

 

An dieser Stelle soll nicht unerwähnt bleiben, dass es neben dem rechten auch einen moslemischen und einen linken Antisemitismus gibt. Leider müssen viele der hier lebenden Juden feststellen, dass sich der moslemische Antisemitismus durch den Zuzug der Flüchtlinge aus dem arabischsprachigen Raum noch verstärkt hat.

 

Im Mittelpunkt steht dabei nicht mehr das Judentum an sich, sondern die Wut auf Israel - „das Kindermörderland müsse von der Landkarte verschwinden“. Im Unterschied zu legitimer Israelkritik werden dabei Tatsachen und wissenschaftliche Belege völlig ignoriert, die Juden und der Staat Israel zwanghaft verflucht.

 

Der linke Antisemitismus ist ein „bisschen subtiler“. Er berührt zwar das dargestellte Modell, Kern ist aber eher eine Art sekundärer Antisemitismus: die Politik Israels wird mit der Nazi-Deutschlands verglichen und den Juden das Recht auf einen eigenen Staat abgesprochen.

 

 

 

(Abermals:) Was hat sich seit Halle verändert?

 

Vor Halle, also, seit Gründung der Bundesrepublik gab es etliche Sachbeschädigungen, Brandanschläge, Schändungen jüdischer Friedhöfe, unzählige Körperverletzungen und eben auch Morde.

 

1994 werfen beispielsweise Rechtsradikale Molotowcocktails in den Eingang der Lübecker Synagoge, der Brand kann rechtzeitig gelöscht werden, fünf Menschen, die im oberen Stockwerk schlafen, bleiben unverletzt.

 

Vor acht Jahren finden Ermittler auf Datenträgern der rechtsextremen Terrorgruppe „NSU“ 233 Adressen jüdischer Einrichtungen.

 

Seit diesem NSU-Skandal – übrigens dem größten Skandal Nachkriegsdeutschlands - wissen wir, dass es rechte Zellen auch bei der Polizei, bei den Nachrichtendiensten und in anderen staatlichen Institutionen gibt.  

 

Antisemiten und Rassisten sind im Netz seit Jahren aktiv und international verknüpft.

 

Verstärkt beklagen viele jüdische Bürger, dass der Antisemitismus längst wieder salonfähig sei. Doch ihre Stimmen werden überhört oder als „Überempfindlichkeiten“ abgewertet.

 

2018 erhöht sich die Zahl der gemeldeten antisemitischen Straftaten um fast 20 Prozent (1799 Delikte, vgl. „Spiegel“, Nr. 42/12.10.2019, S. 19).

 

Im Juni 2019 wird der ehemalige Kasseler Regierungspräsident Walter Lübke vor seinem Wohnhaus erschossen.

 

Ausstiegsangebote, Präventions- wie auch Aufklärungsprojekte bzgl. Antisemitismus laufen aus, werden nicht mehr verlängert oder nicht neu bewilligt.

 

Ein ehemaliger Verfassungsschutzpräsident scheint während seiner Amtszeit und darüber hinaus dauerhaft rechts erblindet zu sein. Insiderkreise bestätigen: die winzige, eingefärbte Brille ist schuld.

 

Der Bundesinnenminister, der wegen eines nicht existenten Problems in der Flüchtlingspolitik im Sommer 2018 beinahe die Regierung platzen ließ, ist mehr mit sich und seiner eigenen Partei beschäftigt, beschwichtigt und rennt mit seinen Parteifreunden der AfD „zeitweilig“ rhetorisch hinterher. Nach Halle leistet er jedoch Abbitte, er habe rechts unterschätzt, aber nun werde alles anders.

 

Unmittelbar nach dem fehlgeschlagenen Anschlag ist die Solidarität und die Betroffenheit groß. Das mag man anerkennen, wertschätzen, doch ist es nicht eher selbstverständlich? Vertraut? Bis zum nächsten Mal?

 

Kardinal Marx findet dennoch erhabene Worte: „Wir lassen uns nicht mehr trennen von unseren jüdischen Brüdern und Schwestern“, sagt er in Berlin und: „Nie wieder werden wir uns von ihnen trennen, was auch immer kommen mag!“ (16.10.2019 s. a. Zitat im TAH, 17.10.2019, S. 2)

 

Sein Amtskollege, der EKD-Vorsitzende Bedford-Strohm pflichtet ihm bei, währenddessen ein weiterer Amtskollege, der sächsische Landesbischof Rentzing, „freiwillig“ seinen Abschiedsgottesdienst halten muss, da er jahrelang „publizistisch“, also öffentlich rassistisch und antisemitisch „unterwegs“ war. Ein Einzelfall?

 

Und vor gut zwei Wochen informiert der niedersächsische Innenminister Pistorius den Landtag, dass rund 2000 Menschen auf rechtsextremen Drohlisten stehen. Er ergänzt beschwichtigend, jene 2000 Mitbürger seien aber gar nicht bedroht (vgl. TAH, 26.10.2019, S. 8).

 

Aber, warum heißen die Drohlisten dann eigentlich Drohlisten?

 

Nach Halle präsentiert die Bundesregierung ihren „9-Punkte-Plan“.

 

 

Was meinen Sie? Nach Halle, reicht Ihnen das? Sind Sie jetzt etwas beruhigter? Oder sind das in Ihren Augen und Ohren doch eher Sonntagsreden bzw. Sonntagsworte? Wenn auch liebgemeinte?

 

Und diese Rede heute Abend, ist das auch eine Sonntagsrede am Sonnabend?

 

Mal angenommen, wir fühlten uns nun tatsächlich beruhigter, sicherer. Wie aber fühlen sich unsere jüdischen Bürger?

 

 

Bevor ich zwei von ihnen zu Wort kommen lasse, werfen wir noch schnell einen Blick in die sozialen Netzwerke.

 

Sie werden staunen oder besser: sehr erschrecken. Denn es ist schier unglaublich, was der Mikrokosmos „Kleinstadt“ bzw. „Samtgemeinde“ dort präsentiert.

 

Viele Mitbürger – und es sind leider viel zu viele und ganz offensichtlich werden es immer mehr – viele Mitbürger posten dort, neben den bekannten „AfD-Tagesparolen“, bewusst Beleidigungen, manipulierte „Nachrichten“, Geschichtsfälschungen und Verschwörungstheorien. Sie outen sich unmissverständlich als rassistisch und antisemitisch – und dies öffentlich, rund um die Uhr, wobei manche ihr „Programm“ fast stündlich aktualisieren. Diese Trugbilder sind Ihnen sicher bekannt: Politiker werden beispielsweise absichtlich falsch zitiert und im wahrsten Sinne buchstäblich durch den Dreck gezogen, auf das Übelste beleidigt. Die Bundesrepublik sei kein souveräner Staat, sondern eine Marionette, heißt es dort, der „jüdische Weltkongress“ (sei) an allem schuld. Der Gipfel aller Abscheulichkeiten aber ist die Umbenennung, die Verhöhnung des Holocaust als „Holo-Klaus“.

 

Ich erspare Ihnen hier weitere Geschmacklosigkeiten, bitte schauen Sie dort - bei Gelegenheit - selbst einmal nach.

 

Diese Mitbürger kommen aus der Mitte unserer Gesellschaft! Sie haben die hiesigen Schulen besucht, sind vertraute Mitglieder in Vereinen, sind Gläubige aller Konfessionen oder teilen halt den Nichtglauben. Sie sind Eltern, Freunde, leben unauffällig. Aber für viele ist es überhaupt kein Problem, bei „facebook“ gleichzeitig mit einem bekennenden Rechtsradikalen wie auch einem demokratischen Kommunalpolitiker befreundet zu sein.

 

Sie leben in einer mehr als befremdlichen, ja, in einer komplett destruktiven Blase; Sie fühlen sich ständig missverstanden, fühlen sich unbestimmt als Opfer, fühlen sich zu kurz gekommen. Und viele scheinen für die Gesellschaft tatsächlich verloren zu sein.

 

Wie konnte es dazu kommen? Und gelingt es uns, diese „Verlorenen“ wieder zurückzuholen?

 

Daher folgerichtig gefragt: Ist Antisemitismus, ist Rassismus ein Thema in der Schule, in den Religionsgemeinschaften, in den Vereinen, in der Kommunalpolitik? Und wie wird darauf reagiert? Mit gesundem Menschenverstand? Mit Handlungskonzepten? Gibt es Fortbildung?

 

Was sagt dazu die evangelisch-lutherische Gemeinde? die katholische Gemeinde? Wie positionieren sich die vier Freikirchengemeinden oder der „Türkisch Islamische Kulturverein“ (DITIB)?

 

Öffentlich hört man dazu leider gar nichts!

 

Apropos.

 

Wenn ich unseren Bürgermeister seinerzeit, also vor gut zwei Jahren, richtig verstanden habe, dann wollte er mit seiner verunglückten Email unter anderem die Diskussion beginnen bzw. befeuern, wie es um die Integration oder besser, wie es um das Zusammenleben in Stadtoldendorf eigentlich bestellt ist. Was ist letztlich daraus geworden? Bitte, sehen Sie es mir nach, dass ich an dieser Stelle nun auch ein bisschen polemisch werde.

 

Was meinen Sie, wie viele „AfD-Versteher“, wie viele „Putin-Versteher“, „Erdogan-Versteher“ oder „Orbán-Versteher“, also, wie viele Autokratie-Anhänger gibt es hier vor Ort?

 

Oder anders gefragt, wie viele Bürger nehmen für sich jegliche Vorteile und Freiheiten des Rechtsstaats in Anspruch – und dies wohlgemerkt beständig -, um sich gleichzeitig über ihn und über seine vermeintlichen Schwächen, letztlich über unsere liberale Demokratie lustig und verächtlich zu machen?

 

Könnte man jene in Prozentzahlen fassen?  Was meinen Sie? 30 Prozent? 40 Prozent? Oder eher weniger? Eher mehr? Und in diesem Kontext sei noch provokant angemerkt, reicht uns das wirklich, wenn sich offensichtliche Parallelgesellschaften gegenseitig tolerieren, immerhin gegenseitig tolerieren? Wie viel Prozent an Rechtsstaatsfeinden kann eine Gesellschaft eigentlich verkraften? Was meinen Sie?

 

Ein erstes Fazit: Niemand wird als Antisemit geboren! Unsere Gesellschaft ist tief gespalten! Und: machen wir uns bewusst oder bewusster: viele jüdische Mitbürger sitzen mittlerweile tatsächlich auf gepackten Koffern.

 

Deshalb möchte ich Ihnen zwei Ansichten bzw. zwei Innenleben unkommentiert näherbringen.

 

 

Zunächst Richard C. Schneider

 

Er ist Autor und Dokumentarfilmer. Bis 2017 arbeitete er als ARD-Korrespondent in Tel Aviv und Rom. Sein Artikel in der „ZEIT“ vom 17. Oktober 2019 trägt den Titel: „Antisemitismus: „Diese lächerlichen Mahnwachen vor Synagogen“ Immer dasselbe: Erst werden Juden attackiert, dann wird getrauert – spart euch eure Rituale!“ (vgl. DIE ZEIT, Nr. 43/2019)

 

Richard schreibt darin, die Nachrichten aus Halle hätten ihn nicht wirklich erstaunt, denn schließlich habe es Antisemitismus ja schon immer gegeben. Jetzt krieche er halt nur wieder aus allen möglichen Löchern. Viele Nichtjuden wollten dies jedoch nicht wahrhaben.

 

Wie sich das Leben als Jude in Deutschland anfühle, das könnten nur Juden nachvollziehen. Denn schließlich seien sie es, die die antijüdischen Äußerungen täglich ertragen müssten; die die zunächst schleichende, inzwischen aber galoppierende Verschärfung der Lage hautnah spürten - auf der Straße, im privaten Umfeld und im Beruf. Die Schamlosigkeit sei dabei grenzenlos.

 

Als Richard sich vor zwei Jahren entschieden habe, nach Israel zu ziehen, seien viele seiner nichtjüdischen Freunde bestürzt gewesen. Sie hielten seine Entscheidung für überzogen. Klar, gäbe es Antisemitismus, aber so schlimm sei es ja nun wirklich nicht. Er frage sich allerdings, wie schlimm müsse es denn sein? Wie viele Juden müssten angegriffen, geprügelt oder gar getötet werden? 6 Juden, 600, 6000 oder gar 6 Millionen?

 

Das Problem in Deutschland sei, dass „Auschwitz“ zum Maßstab für Judenhass geworden wäre. Alles, was „weniger schlimm“ als Auschwitz sei, wäre jahrzehntelang verharmlost worden. Und das „Wehret den Anfängen“, das „Nie wieder!“ sei längst zur Phrase verkommen.

 

Gedenkveranstaltungen seien nur noch starre Staatsrituale, die nichts, aber auch rein gar nichts mit der gesellschaftlichen Realität zu tun hätten. Die Gemeinplätze, die in solchen Reden von Politikern jedweder Farbe verwandt würden, seien alle demselben Sprachbausteinkasten entliehen. Leeres Geschwätz, also. Denn es sei längst kein „Alarmzeichen“ mehr, sondern wir wären bereits „mittendrin“.

 

Zweifellos hätten ihn die Nachrichten aus Halle wütend gemacht. Wütend auf den Attentäter. Aber auch auf das, was dann unweigerlich folgte: diese lächerlichen Mahnwachen vor Synagogen, teils mit Kirchengesängen (!), das öffentliche Entsetzen oder besser: die deutsche „Betroffenheit“, der schlagartig einsetzende Aktionismus der Politiker, die – man staune – nun auf einmal begreifen, dass es ein Problem mit dem Antisemitismus in Deutschland gibt.

 

Seit Jahrzehnten schreibe er nun darüber, nach jedem neuen Attentat, nach jedem neuen antisemitischen Skandal. Früher habe er an die Kraft der Worte, an die Kraft der Aufklärung geglaubt, heute blieben nur noch Zweifel.

 

Hier geboren und aufgewachsen, mache er sich schmerzhaft bewusst, dass sein Heimatland immer noch nicht begriffen habe, dass „deutsch zu sein“ nichts mit ethnischen Zugehörigkeiten zu tun hat.

 

Aber, wie könne Deutschland seine Heimat sein, wenn es die hier lebenden Juden plötzlich als Minderheit gegen eine andere Minderheit missbrauche? Wenn selbst seriöse Politiker von einer „jüdisch-christlichen“ Kultur schwafelten, die es so nie gegeben habe? Es gäbe eine christliche Kultur, die die Juden Tausende von Jahren verfolgt, verbrannt, ermordet und vergast hätte. Sonst nichts. „Jüdisch-christlich“ bedeute nicht, dass Juden nun dazugehörten, es hieße vielmehr: der Islam gehöre nicht zu Deutschland. Eine Minderheit werde gegen eine andere ausgespielt.

 

Er wisse zwar, dass es Deutsche, ethnische Deutsche gäbe, die tatsächlich wollen, dass es jüdisches Leben in Deutschland gibt. Doch jene könnten nur wenig ausrichten. Denn das eigentliche Problem läge in der politischen Konzeption der Bundesrepublik und dies gelte gleichermaßen für die westdeutsche Republik wie auch für das wiedervereinigte Land: Juden dienten dabei als Alibi, als Beweis, dass Deutschland nichts mehr mit der NS-Zeit zutun habe und somit zu Recht in das westliche Bündnis integriert sei.

 

Diesen bitteren Erkenntnissen müsse man sich als Jude in Deutschland stellen, wie auch der Frage, wann der richtige Zeitpunkt gekommen sei, sich nicht länger demütigen zu lassen.

 

Sei der jetzt, da man sich als Jude in Deutschland inzwischen seines Lebens nicht mehr sicher sein könne? Oder käme er erst beim nächsten Attentat auf eine Synagoge, wenn es tatsächlich 50, 60 oder 70 jüdische Tote im Post-Holocaust-Deutschland gäbe?

 

Mehr als 70 Prozent der hiesigen Juden trügen in der Öffentlichkeit keine jüdischen Symbole mehr, weil sie Angst hätten. 

 

Nein, er habe nicht mit Deutschland gebrochen, das könne und wolle er gar nicht, dazu sei er viel zu sehr mit diesem Land verbunden. Aber er wolle als Jude in seinem Alltag frei leben und atmen können. Es hätte Zeiten gegeben, da habe er geglaubt, dass dies in Deutschland möglich sei.

 

Und es wäre ja auch möglich gewesen. Aber heute sei es nicht mehr möglich. Ob dies so bleibe, daran werde sich die Mehrheitsgesellschaft messen lassen müssen.

 

„Das Schlimmste was passieren könnte? Dass tatsächlich alle Juden Deutschland verließen. Und was dann geschähe? Nichts. Es würde gar nicht auffallen. Aber die Deutschen, die blieben, hätten dann ein Problem mit ihrem Land, mit ihren Politikern, mit ihrer Gesellschaft“.

 

Soweit Richard C. Schneider, den ich vielfach wörtlich zitierte.

 

 

 

Die zweite und letzte Stimme:

 

Ramona Ambs ist Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Heidelberg und schreibt Prosa, Gedichte und Essays. Als Replik auf die bereits erwähnten Vorhaben der Bundesregierung, veröffentlichte Ramona ihren eigenen „9-Punkte-Plan“, den ich nun wörtlich zitiere:

 

 

„1. Gebt die NSU-Akten frei. Und zwar alle. Verfassungsschutzberichte, die nur aus schwarzen Balken bestehen, tragen nicht zur Aufklärung bei.

 

2. Räumt bei den Staatsdienern auf. Es gibt viel zu viele Fälle von Rechtsextremisten beim Verfassungsschutz selbst, bei der Polizei und der Bundeswehr. Es ist wichtig, wirklich wichtig, dass diese Institutionen von Demokraten besetzt sind. Und zwar durchgängig.

 

3. Verfolgt konsequent die Anzeigen, die man macht. Stellt sie nicht immer einfach ein.

 

4. Greift ein, wenn bei rechten Demonstrationen Morddrohungen gebrüllt werden. Man könnte die Leute direkt von der Straße weg verhaften, wenn man das wirklich wollte.

 

5. Sorgt für ein menschenfreundliches Klima an Schulen und in Behörden. Bringt Kindern bei, selbstständig zu denken und friedlich miteinander zu kommunizieren. Es darf einfach nicht sein, dass nach judenfeindlichen Übergriffen das Opfer die Schule verlassen muss, weil seine Sicherheit nicht gewährleistet werden kann.

 

6. Gebt dem parlamentarischen Arm der Rechtsextremen nicht mehr Aufmerksamkeit als nötig.

 

7. Und ladet sie nicht dauernd ins Fernsehen ein, um mit ihnen zu sprechen, als hätten sie wirklich was zu sagen oder ein echtes Anliegen. Hass ist Hass ist Hass. What´s new?

 

8. Hört auf zu zündeln. Solange die Vertreter der demokratischen Parteien nicht ein Mindestmaß an Anstand besitzen, und menschlich über Menschen sprechen lernen, nutzt das alles nämlich nix. Antisemitismus und Rassismus muss grundsätzlich geächtet werden. Der ist nämlich nicht weniger gefährlich, wenn er aus dem Mund eines Grünen, eines SPDlers oder CDUlers kommt, statt dem eines AfDlers.

 

9. Behandelt Menschen, die in diesem Land leben, anständig und fair. Egal, woher sie kommen. Lebt einfach tätig vor, was ihr sonntags nach den Anschlägen immer predigt. Das wäre doch mal ne feine Sache, oder?“

 

(vgl. Ramona Ambs, facebook, 30.10.2019)

 

 

 

Zum Schluss bleibt mir nur noch, folgende Gedanken als Quintessenz zu ergänzen:

 

Jeder einzelne von uns ist aufgerufen, jede Form, jedem Ansatz von Antisemitismus, von Fremdenfeindlichkeit, von Diskriminierung umgehend und überall entschieden zu begegnen.

 

„Leid und Schuld sind individuell; die Erinnerung und das lokale Gedächtnis hingegen müssen kollektiv sein.

 

Es gilt die Erinnerung an die grausamen Wahrheiten vor Ort wach zu halten und diese weiter zu vermitteln.

 

Das Erinnern und die Ehrung der Schicksale, der entsetzlichen Leidenswege der Opfer der NS-Zeit in Stadtoldendorf müssen der Mahnung dienen, dass die deutsche Gesellschaft nie wieder derart kläglich versagen darf.

 

Jenen, die die Konfrontation mit der historischen Wahrheit scheuen, sind sofort die Augen zu öffnen.“ (Selbstzitat, Rede zur 2. Stolpersteinlegung, 2009)

 

 

 

Wir Demokraten müssen viel lauter werden und viel mehr Gesicht zeigen. Bitte nehmen Sie das heute Abend Gesagte mit und tragen Sie es weiter.

 

 

 

Lassen Sie uns gemeinsam ein Zeichen setzten:

 

verdeutlichen wir, dass wir tatsächlich aus der Geschichte gelernt haben.

 

Zeigen wir, dass unsere Gesellschaft nicht gewillt ist, sich noch weiter spalten zu lassen, dass wir niemals Antisemitismus und Fremdenhass zulassen werden.

 

Bezeugen wir, dass unsere Gesellschaft nie wieder tolerieren wird, eine Minderheit als Sündenbock zu brandmarken.

 

Bekräftigen wir, dass wir den Rechtsstaat festigen und verteidigen werden.

 

Das sind wir nicht nur den Opfern und ihren Angehörigen schuldig, das sind wir auch uns selbst schuldig!

 

 

Ich weiß, ich habe heute Abend sehr viele Fragen gestellt, verzeihen Sie mir bitte eine letzte:

 

Stellen Sie sich vor, Marianne und Kurt mit Margot, Ernst und Helmut wären hier und sie fragen, was habt ihr aus unserem Schicksal gemacht?

 

Was antworten wir?

 

Und was werden wir zukünftig antworten?

 

 

Herzlichen Dank für Ihre Teilnahme, Ihre Geduld und Ihre Aufmerksamkeit!"

 

 

© Jens Meier, 2019

 

 

 

im Vortrag: "Auf dem linken Bild sehen Sie..." Marianne und Emil Hilb (Foto: Privatbesitz Anneliese Wolff als Kopie von Prof. Hans-Joachim Vollrath)
im Vortrag: "Auf dem linken Bild sehen Sie..." Marianne und Emil Hilb (Foto: Privatbesitz Anneliese Wolff als Kopie von Prof. Hans-Joachim Vollrath)
im Vortrag "Auf dem rechten Bild sehen Sie..." Kurt Wallhausen zusammen mit den Kindern seiner Schwester: Ernst, Margot und, auf Kurts Schulter: Helmut  (Foto: Privatbesitz Ute Siegeler)
im Vortrag "Auf dem rechten Bild sehen Sie..." Kurt Wallhausen zusammen mit den Kindern seiner Schwester: Ernst, Margot und, auf Kurts Schulter: Helmut (Foto: Privatbesitz Ute Siegeler)
Bürgermeister Helmut Affelt während der Gedenkveranstaltung im "Alten Rathaus" (Foto: Anke Wendland)
Bürgermeister Helmut Affelt während der Gedenkveranstaltung im "Alten Rathaus" (Foto: Anke Wendland)
Gedenkveranstaltung im "Alten Rathaus" (Foto: Anke Wendland)
Gedenkveranstaltung im "Alten Rathaus" (Foto: Anke Wendland)
Gedenken am Synagogenplatz (Foto: Anke Wendland)
Gedenken am Synagogenplatz (Foto: Anke Wendland)
Gedenkstein auf dem "Ephraim-Rothschild-Platz" (Foto: Anke Wendland)
Gedenkstein auf dem "Ephraim-Rothschild-Platz" (Foto: Anke Wendland)
Synagogenplatz nach dem stillen Gedenken (20 Uhr) (Foto: Jens Meier)
Synagogenplatz nach dem stillen Gedenken (20 Uhr) (Foto: Jens Meier)
Synagogenplatz nach dem stillen Gedenken (20 Uhr) (Foto: Jens Meier)
Synagogenplatz nach dem stillen Gedenken (20 Uhr) (Foto: Jens Meier)